Boilstädt

Herr von Boilstädt

Ein Besuch beim “Herrn von Boilstädt”     28.04.2015

Neues vom “Herrn von Boilstädt”             05.02.2016

“Herr von Boilstädt” auf Wikipedia

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12.02.2016 im Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Weimar) finden Sie hier ...

Ein Besuch beim Herrn von Boilstädt

Uwe Ulrich     28.04.2015

Nachdem bei Straßenbauarbeiten an der neuen UmgehungssTag der offenen Türtraße zwischen Gotha-Sundhausen und Gotha-Boilstädt im Jahre 2012 archäologische Funde gemacht wurden, fanden von 2012 bis 2013 ausgiebige Ausgrabungsarbeiten statt. Auf einer Länge von fast 3 km wurden an insgesamt fünf Plätzen archäologische Funde ans Tageslicht gebracht. Die Fundstücke konnten verschiedenen Epochen zugeordnet werden. Der älteste Fundplatz geht auf das Neolithikum (5000 v. Chr.) zurück. Aus der sogenannten Epoche der Schnurkeramik stammten Grabhügel aus dem    3. Jahrtausend v. Chr. Weitere Funde konnten der späten Bronzezeit (1. Jahrtausend v. Chr.) zugeordnet werden, während die jüngsten Funde der Merowinger Zeit (6.-7. Jahrhundert n. Chr.) entstammen. Dies beweist ganz eineutig, dass diese Flur schon seit jeher ein bevorzugter Siedlungsplatz war, da schon zu frühen Zeiten wichtige Verkehrsverbindungen, z.B. Richtung Süden über den Pass bei Oberhof, hier entlang führten.

Die bedeutendste Entdeckung stellt dabei der Bestattungsplatz aus der Merowinger Zeit dar. Auf einer Fläche voGrabung Boilstädtn etwa 1 ha haben mehrere Generationen einer Dorfgemeinschaft, die hier die fruchtbaren Böden nutzten, ihre Bestattungen durchgeführt. Eine Sensation waren die Funde zweier Kriegergräber aus der Merowinger Zeit, die sich von den anderen Gräbern hinsichtlich der Ausstattung unterschieden. Besonderes Interesse erregte dabei eine Grabkammer von etwa 2*3 m, die sich in einer Tiefe von 2,50 m unter der Oberfläche befand. Dieses Grab hatte ursprünglich noch einen Hügel, der aber im Laufe der Jahrhunderte verschwunden ist. In der Nähe des Grabes befand sich eine weitere Grube, die ein Pferdeskelett ohne Kopf und ein Hundeskelett enthielten. Dies waren übliche Grabbeigaben für höhergestellte Persönlichkeiten der damaligen Zeit. Man kann vermuten, dass der Kopf des Pferdes auf einem Spieß auf dem Grab angebracht war. Man nannte den Fund den Herrn von Boilstädt. Das Grab war unversehrt, was bei Gräbern aus dieser Zeit sehr selten ist, da Grabräuberei an der Tagesordnung war.

Da der Zustand der Funde organischer Materialien wie Leder oder TBlockbergung Grab 96extilien darauf hinwiesen, dass der Gesamtzustand des Grabinhaltes noch gut erhalten ist, hat sich das Thüringer Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie entschlossen, die gesamte Grabkammer in einem Block zu bergen und in Weimar-Ehringsdorf unter Laborbedingungen freizulegen. Dies war das erste Grab das man in Thüringen auf diese Art geborgen hat. Dazu trieb man an den vier Seiten Stahlplatten in die Erde und schob Röhren unter den Block, um ihn vom Erdreich zu lösen. Der Block hatte ein Gesamtgewicht von 17t und musste in Millimeterarbeit durch ein Tor bugsiert werden.

Inzwischen ist die Umgehungsstraße fertiggestellt und der Verkehr rollt über das ehemalige Ausgrabungsgelände. Es ist ruhig geworden um den Herrn von Boilstädt. Am 19.04.2015 führte das Thüringer Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie eiBlockbergung Grab 96 Freilegungnen Tag der offenen Tür in Ehringsdorf durch und präsentierte den Stand der Arbeiten und die zutage geförderten Funde, die schon konservatorisch aufgearbeitet wurden. Hauptschwerpunkt der Arbeiten ist dabei die Freilegung des Fundes. Millimeterweise wird das Erdreich abgetragen und die jeweiligen Funde dabei fotografiert und zeichnerisch dokumentiert. Die Feuchtigkeit an der Grabungsstelle muss auch im Labor aufrechterhalten werden, damit organische Materialien nicht austrocknen. Leder- oder Textilreste würden sonst zerfallen. Um dem vorzubeugen, wird der Block regelmäßig gewässert. Viel schlimmer ist es mitBlockbergung Grab 96 Freilegung metallischen Funden, wie Schwerter, Messer oder Schnallen, die unter dem Einfluss von Sauerstoff sehr schnell korrodieren. Hier tut Eile besonders Not. Dazu wird das Erdreich um den Metallgegenstand abgetragen, ein Holzrahmen über den so freigelegten Fund gestülpt, mit Gips fixiert und dann wird der so entstandene Block abgestochen. Jetzt schließen sich Untersuchungen mit Röntgenstrahlen oder im Computertomograph an. Tongefäße die gefunden wurden, müssen vor dem Zerfall gerettet werden, da sie meistens für Bestattungen nicht besonders hart gebrannt waren. Dazu fixiert man das Gefäß mit der darin enthaltenen Erde mit Mullbinden und verfestigt die Oberfläche mit einem Acrylatesterpolymerisat, welches wasserklare, transparente und sehr elastische Schichten bildet. Erst wenn die Stabilität des Gefäßes hergestellt ist, kann das darin befindliche Material entfernt werden. Alles wird dabei durchgesiebt, damit auch das kleinste Teilchen, bis zur Pollengröße, nicht verloren geht.

Was weiß man bisher vom Herrn von Boilstädt?
Er war ca. 35 Jahre alt und etwa 1,80 m groß. Seine kräftige Statur und sein Stiernacken deuten, neben den Grabbeigaben, auf einen Krieger hin. Seine Zähne weisen einen erstaunlich guten Zustand auf. Somit muss es sich wohl um einen Angehörigen der Oberschicht handeln, die über ausreichende und gesunde Nahrungsmittel verfügte. Gefunden wurden an seinem Skelett sogenannte Reiterfacetten. Dabei handelt es sich um Veränderungen der Oberschenkelknochen in Form einer Ausweitung der Gelenkflächen an den Oberschenkelköpfen auf die Oberschenkelhälse. Dies ist eine Besonderheit, die bei SkelettuntersuLanze Grab 131chungen von Reitervölkern erkannt wurde und als „Reiterfacetten“ Eingang in den deutschen Sprachgebrauch fand.

Im Grab fand man bisher einen Wurfspeer, ein Spatha und ein Sax. Dabei handelt es sich um für diese Zeit typische Waffen eines Reiters. Bei der gefundenen Spatha handelt es sich ein zweischneidiges, vorwiegend zum Hieb konzipiertes Schwert mit gerader Klinge. Es wurde einhändig gefSax Grab 131ührt und besaß in der Regel eine Länge von 60-100 cm, eine Breite von 4-6 cm und wog etwa 1 kg. Zum Einsatz kam diese Schwertform vom 1. Jahrhundert v. Chr. bis zum 6. Jahrhundert n. Chr. Der gefundene Sax war ein einschneidiges Hiebschwert, das in verschiedenen Varianten von der vorrömischen Eisenzeit bis ins Hochmittelalter in Mitteleuropa und Nordwesteuropa verbreitet war. Die Klinge der Sax der Merowinger Zeit war ca. 40-60 cm lang und ca. 4 cm breit.Spatha Grab 131

Weitere Artefakte waren das reich verzierte Zaumzeug des Pferdes (Trense), Feuerstein und Feuerschläger, Bronzering und Bronzekette und ein Kamm, dessen Restaurierung allein zweieinhalb Wochen in Anspruch nahm. Daneben fand man auch Knochenreste aus Speisebeigaben und eine Fischhaut, deren Herkunft noch unklar ist.

Wie sich herausstellte, liegt das Skelett nicht auf dem Rücken sondern auf dem Bauch und die Beine sind verdreht. Man vermutet, dass der Herr von Boilstädt auf einer hölzernen Trage lag und nach dem Zerfall des Holzes heruntergefallen ist.
Wie geht es weiter mit dem Fund? Man will noch weitere Schichten des Erdreiches aus dem Block abtragen und das Skelett später ausschneiden und drehen. Erst eine genetische Untersuchung kann Sicherheit darüber geben, ob der Herr von Boilstädt hier wohnte oder ein durchziehender Krieger war, der hier gestorben war.

Ob noch weitere Gräber, neben den bereits erkundeten, existieren kann nur eine geplante geomagnetische Untersuchung beweisen. Dabei werden mittels Sonden Abweichungen des Magnetfeldes ermittelt. Magnetische Anomalien werden durch Artefakte, wie Eisenteile, Schlacken, Tonscherben aber auch verrottete Baumpfähle erzeugt.

Nach Aussagen der Archäologen soll dieser Tag der offenen Tür die letzte Möglichkeit gewesen sein, die Arbeit am Herrn von Boilstädt einzusehen. Der nächste Termin ist die Landesausstellung zum Thüringer Königreich im Jahre 2020. Hier soll der Herr von Boilstädt und die weiteren Funde der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Hoffentlich können alle noch offenen Fragen, auch über die Herkunft, demnächst beantwortet werden.

              

Neues vom „Herrn von Boilstädt“

Uwe Ulrich     05.02.2016

Am 28. Januar 2016 fand in der Gaststätte „Zum Wiesengrund“ in Boilstädt ein Vortrag durch Christan Tannhäuser, dem Projektleiter der Ausgrabungen am Begräbnisfeld in der Nähe von Boilstädt, statt. Herr Tannhäuser war im Auftrag des Thüringer Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie maßgeblich an der Ausgrabung, Bergung und der gegenwärtigen Konser- vierung der Funde beteiligt. Nachdem eine erste Präsentation der Aus- grabungsergebnisse im April 2015 iGrab 96 Übersichtn Weimar-Ehringsdorf nur wenige Interessierte aus Boilstädt anzog, war dieser Vortrag in Boilstädt innerhalb weniger Stunden ausverkauft, wobei der Eintritt einem gemeinnützigen Zweck zugeführt wird.

Die Funde im Bereich Boilstädt und Sundhausen wurden auf verschiedene Epochen datiert. Älteste Funde stammen aus dem Neolithikum (5000 v. Chr.), während andere Grabstätten aus der Epoche der Schnurkeramik (3. Jahr- tausend v. Chr.) und der Bronzezeit (1. Jahrtausend v. Chr.) datiert wurden. Auf die jüngsten und auch bedeutendsten Funde aus der Merowinger Zeit (6.-7. Jahrhundert n. Chr.) bezogen sich Tannhäusers Ausführungen.

Die Merowinger Gräber umfassten dabei Einzel-Grabstätten von Männern, Frauen und Kindern, es gab aber auch Doppelgräber mit einer Frau und einem Säugling, die vermutlich bei der Geburt gestorben sind. Die Gräber der Frauen waren unterschiedlich groß und tief, was Rückschlüsse auf ihre gesellschaftliche Stellung ziehen lässt. Je tiefer eine Grabstätte angelegt war, umso höher war die Stellung der Person. Die Frauengräber enthielten neben dem Schmuck der Toten wie z.B. Ketten, Perlen und Bronzeringe oft auch praktische Utensilien wie Messer, Kämme, Beutel zur Aufbewahrung, Keramikgefäße die auf Töpferscheiben hergestellt waren, Spinnwirbel und teilweise auch Reste der „Wegzehrung“ in Form von Nahrungsmitteln wie z.B. Schweineknochen. In einem Grab einer Frau wurde eine Glasperlenkette gefunden, die einen blauen Glasring enthielt, der von den Archäologen der keltischen Zeit zugeschrieben wird. Dieser keltische Ring war damals schon eine Antiquität, war er doch über 800 Jahre alt, bevor die Frau damit beigesetzt wurde.

Neben unversehrten Gräbern wurden aber auch beraubte Anlagen gefunden. Dies war zu jener Zeit nicht unüblich, da neben Wertgegenständen auch Waffen und Metall als solches hoch im Kurs standen. In einem beraubten Grab wurde aber trotzdem noch eine bi-metallische Schilddornschnalle, eine Glasperlenkette und Almandinsplitter (Eisentongranat) aus einer Schmuckscheibe gefunden.

Bei den zwei Kinderbestattungen wurden nur noch die Schädelknochen und 1 Keramikgefäß gefunden. Die Gräber waren mit einer Fläche von 1 m² entsprechend klein.Kamm Grab 96

Die Männergräber enthielten neben den Waffenbeigaben wie z.B. Pfeil- und Lanzenspitzen, Schwertern und Messern oft auch Gürtel zum Tragen der Waffen. Häufig wurden auch sogenannte Toilettenbestecke in Form von Kamm und Pinzette gefunden. Während die Kämme unterschiedliche Zinkenabstände (Läuse) besaßen, wurden die Pinzetten zur Entfernung der Bartstoppeln genutzt.

Es wurden auch Gräber mit einer Doppelbestattung gefunden. Hierbei wurde z.B. ein junger Mann mit seinen Waffen bestattet und über ihm, etwas seitlich versetzt, wurde eine Frau zu einem späteren Zeitpunkt bestattet. Meistens wird hierbei das erste Grab teilweise zerstört, bzw. die Struktur des Skelettes beschädigt.

Insgesamt gab es auf dem Ausgrabungsfeld aus der Merowinger Zeit vier Pferdebestattungen. Die Skelette enthielten keinen Kopf, da dieser wahrscheinliGrab 131 Übersichtch auf einem Spieß neben dem Grab aufgestellt wurde.

Während in den vergangenen Monaten immer von dem „Herrn von Boilstädt“ gesprochen wurde, relativierte Christan Tannhäuser jetzt diese Aussage. Eigentlich gab es zwei Herren von Boilstädt, wobei sie höchstwahrscheinlich von unterschiedlichem Stand waren, was man aus der Größe und Tiefe der Gräber ableiten kann. Im kleineren Grab (Nr. 131), ca. 1,5*2,5m und 1m unter der Oberfläche, fand man Reitzubehör wie Trense, Halfter undTrense Grab 131 Sporn sowie als Waffen Speer, Sax (einschneidiges Hieb- schwert), Spatha (zweischneidiges Schwert) und Schild. Aus der Lage und Anordnung der Nachbargräber vermutet Tannhäuser, dass sich auf dem Grab ein Grabhügel von ca. 16-20 m Durchmesser befunden haben könnte. Im Laufe der Jahrhunderte ist hiervon durch die Feldbewirtschaftung nichts mehr übrig geblieben. Das Grab wurde, unbemerkt von der Öffentlichkeit, auch als Block, aber in drei Teilen geborgen und unter wesentlich einfacheren Bedingungen nach Weimar abtransportiert, um hier konservatorisch bearbeitet zu werden.

Der „Herr von Boilstädt“, wie ihn die Archäologen wegen der Nähe der Fundstätte zu Boilstädt nannten, obwohl das Grab in der Grab 96 Übersichtheutigen Gemarkung Sundhausen liegt, befand sich im Befund Nr. 96. Dies hatte eine Größe von 1,5*2,8m und lag 2,3m unter der Oberfläche. Unmittelbar in der Nähe wurden ein Pferdeskelett und die Überreste eines Hundes gefunden, was auf die Stellung des Toten Rückschlüsse erlaubt. Zur persönlichen Ausrüstung gehörte eine Tasche mit Bügel und zwei Zierbügeln, die Feuerstahl, Feuerstein und Pfriem (Ahle) sowie ein Toilettenbesteck mit Schere, Messer und Kamm enthielt. Als Reitzubehör wurden eine eiserne Trense (Bestandteil des Zaumzeugs), Zaumzeug (Schnalle des Kopfriemens mit Nieten) und am Fuß ein Stachelsporn, der mit Kupfer verziert und mit einem Riemen befestigt war. Als Waffen, so berichtete Tannhäuser, fand man ein Sax (60 cm lang), Lanze und Schildbuckel, was auf einen berittenen Lanzenträger hinweist. Weiterhin enthielt das Grab noch ein Spatha mit einer Scheide aus Stoff, Holz und Leder am Gürtel hängend. Die gefundenen Gürtelstücke sind einzigartig in Thüringen. Eine Gürtelschnalle enthält Silbertauschierungen, d.h. in eGürtelschnalle mit Silbertauschierungen Grab 131ine angeritzte Oberfläche werden gedrehte Silberdrähte eingehämmert.
Tauschierungen standen in der Merowinger Zeit, besonders im 7. Jahr- hundert, bei den Alamannen, Franken und Thüringern in hoher Blüte. Die gefundene Schnalle ist alamannischen Ursprungs (im heutigen Baden-Württemberg, Elsass, der Deutschschweiz, Liechtenstein und Vorarlberg) und könnte aus Oberitalien stammen. Eine andere Gürtelschnalle stammt von den Awaren, die im Frühmittelalter Herrscher über ein Reich mit dem Schwerpunkt in der Pannonischen Tiefebene waren. Ihr Herrschaftsgebiet umfasste unter anderem die heutigen Länder Ungarn, Tschechien, Slowakei, Slowenien und Rumänien. Tannhäuser vermutet, dass der Krieger als Teil einer fränkischen Einheit, im Italienfeldzug war. Ob die Schnallen Beutegut oder Geschenke eines Lehnsherren waren, kann man heute nicht mehr sagen.

Das Grab des „Herrn von Boilstädt“ hat man nur durch archäologische Erfahrung gefunden. Oberhalb des Grabes befand sich noch ein Grab, nach dessen Räumung aber noch eine Vertiefung gegraben wurde, um diesen Fällen der übereinanderliegenden Gräber Rechnung zu tragen. Das Grab des „Herrn von Boilstädt“ wurde als 17t schwerer Block geborgen und nach Weimar-Ehringsdorf zur weiteren Aufarbeitung verbracht.

Nachdem der Block Schicht für Schicht abgetragen wurde und die Artefakte geborgen und konserviert wurden, wurde das Skelett nochmals in einen kleineren Sockel gelegt, herausgeschnitten und um 180 Grad gedreht. Auf diese Weise konnte man, ohne das Skelett zu zerstören, auch unter dieses gelangen. Damit wurde der „Herr von Boilstädt“ auf den Rücken gedreht, da er auf dem Bauch liegend im Grab vorgefunden wurde. Er war vermutlich auf einem Brett in der Grabkammer aufgebahrt, das dann verfaulte und zusammenbrach. Somit konnte das Skelett vollständig für eine spätere AusSchildbuckel Grab 131stellung erhalten werden. Unter dem Skelett fand man unter anderem ein Ango (Speer zum Stoß im Nahkampf), eine Lanzenspitze, einen Schildbuckel aus Metall mit Holzresten, Riemenreste (organisches Material) mit Nieten aus Silber, Eisen und Bronze, die auf den Status der Person hinweisen, sowie Spielsteine aus Glas. Weiterhin wurde ein Glasfragment (Scheibenglas) gefunden, welches in Sakralbauten im Mittelmeerraum in Kirchenfenstern verwendet  wurde. Ein Amulett-Beutel am rechten Arm enthielt Perlen aus Glas, sehr bunte Millefioriperlen (Millefiori - italienisch: „tausend Blumen“) und einen blauen keltischen Glasring. Als Grabbeigaben, so berichtete Tannhäuser, wurden auch Tierknochen, Eierschalen, Fischhaut und Gräten gefunden. Im KoGlasarmring Grab 96pfbereich fand man ein organisches Behältnis (wahrscheinlich aus Birkenrinde) mit einem silbernen Beschlag.

Wie das Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie auf seiner Homepage mitteilt, gehören zu den spektakulären Grabbeigaben eine byzantinische Lampe mit christlicher Symbolik und eine westgotische Goldmünze (Tremissis). Der Tremissis ist eine spätantike Goldmünze des Römischen Reiches und seiner nachfolgenden Reiche. Der Tremissis war die Drittelmünze (daher der Name) der Standardgoldmünze Solidus uTremissis Grab 96nd bestand aus reinem Gold. Diese Münze war insbesondere im 5. und 6. Jahrhundert in ganz Europa und dem Mittelmeerraum sehr weit verbreitet und dürfte zu der Zeit die häufigste Münze gewesen sein, da nach dem Untergang des Weströmischen Reiches die Könige der nachfolgenden Reiche (etwa die Merowinger, Vandalen, Ostgoten, Westgoten, Burgunder usw.) das römische Münzsystem übernahmen und in ihren Reichen fortführten.

Beide Funde, so teilt das Landesamt mit, sind in ihrem archäologischen Kontext bundesweit als einzigartig anzusprechen.  Byzantinische Öllampe Grab 96

Eine byzantinische Lampe im Grab, um den Weg ins Jenseits besser zu finden, deutet auf römischen Totenkult hin. Wenn diese Lampe noch christliche Symbolik aufweist, dann ist das der Zeit der zunehmenden Christianisierung in diesem Landstrich geschuldet. Die Goldmünze wiederum könnte nach altem heidnischen Brauch (Griechen, Römer und später) dem Toten als Obolus für den Fährmann ins Jenseits mitgegeben worden sein.

Nach Aussage von Christian Tannhäuser ist der „Herr von Boilstädt“, nach Auswertung der Funde, kurz vor dem Jahr 600 bestattet worden. Bis zum Sommer sollen die Untersuchungen abgeschlossen und ein Katalog über die Fundstücke erstellt werden. Es ist geplant, ausgewählte Fundstücke einer Radiokarbondatierung zu unterziehen. Dies ist ein Verfahren zur Datierung kohlenstoffhaltiger, insbesondere organischer Materialien. Eine Isotopenuntersuchung am Skelett könnte den Herkunftsort bestimmen, während eine Genanalyse aller gefundenen Skelette Hinweise auf ein Verwandtschaftsverhältnis untereinander geben kann. Eine archäozoologische Untersuchung der Pferdeskelette könnte die Verwandtschaft zu heutigen Pferderassen klären.

Eine geomagnetische Untersuchung des Geländes um die Ausgrabungsstätte könnte Hinweise auf weitere Gräber leisten. Es ist mit Sicherheit davon auszugehen, dass dort noch vieles im Erdreich schlummert und einer Bergung durch die Archäologen harrt.

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